Wenn Gier der einzige Antrieb ist

Wir haben das Jahr 2011 und wieder (oder immer noch) gibt es großes Klagen wer an allem Schuld ist. Es ist ja auch immer so schön einfach für alles Schlechte erstmal zu den Anderen zu schauen.

Ich gehöre zu einer Generation, die mit Musik anders aufgewachsen ist als die jetzigen Heranwachsenden. Ich komme jetzt sicher nicht mit “Früher war alles besser”, aber die Musik hatte einen anderen Stellenwert als heute. Jon Bon Jovi hat sich gerade darüber ausgelassen und er hat in einem Punkt durchaus recht. Es ist war natürlich ein komplett anderes Erlebnis damals, als man sich neue Musik kaufte.

Man sparte sein Taschengeld oder legte sich etwas von seinem Lehrlingslohn zurück. Das war zumindest bei mir ein extrem wichtiger Punkt, das gehörte irgendwie zum Leben dazu. Am Anfang des Monats besuchte man dann den Plattenladen seiner Wahl und hörte in die Neuerscheinungen rein. Mit irgendeiner Errungenschaft verließ man dann das Geschäft und eilte nach Hause. Kaum dort angekommen entfernte man vorsichtig das Celluphan und balancierte die große schwarze Scheibe auf den Plattenteller. Selbst bei diesem Ritual konnte man schon erkennen, wer die Musik ernst nahm und wer nicht.

Ebenso vorsichtig wurde natürlich die Nadel auf den Tonträger gesetzt, nachdem man den Kopfhörer über den Ohren hatte. Jetzt wurde das Inlay wie ein rohes Ei herausgezogen und während des intensiven Hörens studiert. Hier hat man sich schon intensiv um die Texte gekümmert und versuchte zu verstehen, was der Künstler sagen will. Irgendwann später, so nach ein paar Tagen war man eins mit der Platte und tauschte sich mit Freunden aus. Man interpretierte und fachsimpelte über Texte, Sounds, Gitarrenlicks und Tempowechsel.

Natürlich hat man zu dieser Zeit auch Aufnahmen gemacht und diese nicht bezahlt. Der Unterschied war eben nur, dass es noch lange nicht dasselbe war. Eine Aufnahme war in der Qualität meistens schlechter, doch viel schlimmer wog die fehlende Bindung zum Künstler. Diese wollten (zumindest viele von denen) in erster Linie Botschaften vermitteln, Musikrichtungen revolutionieren und der Welt ihren kleinen Stempel hinterlassen. Sie verbrachten Monate in den Studios und Jahre in dreckigen Probenräumen. Standen sie dann erst einmal der Bühne waren meist viele Jahre harter Arbeit vergangen.

Die Musikindustrie hat wohl irgendwann den Bezug zu den Künstlern verloren und nur noch das produziert, was voraussehbar erfolgreich wird. Jetzt befinden wir uns zeitlich gesehen in den 80ern, die heute immer noch gerne als wichtiges Musikjahrzehnt bezeichnet wird. Richtig ist aber, dass genau diese 10 Jahre den Anfang vom Ende bedeuteten. Hier entstanden nämlich diese ganzen Retortensongs und stilisierten die Dieter Bohlens zu Göttern. Natürlich gab es in Deutschland interessante Richtungen wie die neue deutsche Welle und der Heavy Metal begann gerade seinen Siegeszug, aber große Musiker hat dies Zeit kaum hervorgebracht.

Warum ich das jetzt alles erzähle? Naja, das ist ein kleiner Versuch zu erklären, warum die Musikindustrie heute so große Probleme hat. Immer wenn die Gier der einzige Antrieb ist, dann fällt die Kreativität hinten rüber. Heute bringt man Künstler junge Menschen ganz groß raus um sie dann wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Es wird auch nicht darüber diskutiert was der Musiker möchte, sondern entschieden was er zu tun hat. Für Kreativität ist hier kein Spielraum mehr und der ist anscheinend auch nicht gewollt. Genau das ist auch der Grund, warum aus all den ganzen Casting Teilnehmern nichts geworden. Es ist beliebig und soll wohl auch nicht von Dauer sein. Jeder Song ist genau auf die kaufende Masse abgestimmt, nur der Interpret wird nach einer gewissen Zeit ausgetauscht.

Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten. (Karl Kraus)

Nun hab ich natürlich auch keine Lösung für die Musikindustrie in der Schublade liegen und es wird sie auch kaum interessieren. Kultur muss aber nunmal gepflegt und nicht per Knopfdruck produziert werden. Wirft man uns Konsumenten vor, dass wir es so einfach haben unsere Musik so günstig zu bekommen, weil sie digital überall verfügbar ist, dann wäre für mich das der erste Ansatz. Wer seinen Käufern Musik aus der digitalen Retorte verkaufen möchte, der braucht sich auch nicht über sinkende Verkaufszahlen wundern. Mit guter Musik wird auch in Zukunft noch jede Menge Geld zu verdienen sein. Die muss man nur suchen und dann ein wenig Mut beweisen. Die Musikindustrie hat dafür momentan die besten Vorraussetzungen, denn erst wenn man am Boden liegt fängt man sich ernsthaft zu hinterfragen.

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